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Subjektiv sehr belastende Extrasystolen

Autor
Datum
newB1977
17.08.2015, 21:24 Uhr

Besteht hier noch die Hoffnung auf Besserung?

Vor 15 Jahren zeigten sich zur Hochphase auf meinem Langzeit-EKG 75 ventrikuläre Extrasystolen. Nachdem der Kardiologe sie als nicht behandlungsbedürftig eingestuft hat und ich diesem Arzt wirklich vertraute, mich die Extrasystolen jedoch trotzdem belasteten, begab ich mich in eine Psychotherapie und die Extrasystolen wurden tatsächlich besser.

Zwischendurch erfolgten zwar kleinere Rückfälle in Form von Sinustachykardien, doch die Uniklinik Aachen, Kardiologie Mülheim und niedergelassene Kardiologen haben die Unbedenklichkeit bestätigt. Ich hatte Tage, Wochen, Monate und sogar Jahre keine Extrasystolen. Bis vor drei Wochen ging es mir gut. Genau heute vor drei Wochen fingen die Extrasystolen an und wurden von Tag zu Tag schlimmer. Ich steigerte mich da hinein und fuhr zuerst in das eine, am nächsten Tag ins andere Krankenhaus. Auf beiden Ruhe-EKGs war nichts zu sehen. Die Ärzte dachten schon, ich bilde mir das ein. Die Blutwerte waren gut. Elektrolyte (Kalium 4,5), Schilddrüsenwerte, Herzwerte (Ausschluss von Infarkt TOP) sowie Zucker waren in Ordnung, der Cholesterinwert betrug 191 mg/dl. Es ließ jedoch nicht nach, ich schlief immer weniger, habe kaum noch gegessen und begann leider die Extrasystolen zu zählen. Lenkte ich mich durch Spazierengehen oder andere Dinge teilweise mal ab, wurde es kurzzeitig besser. Es folgten ein Langzeit-EKG und eine Langzeitblutdruckmessung bei meinem Internisten. Beides an einem Tag und ich stand den ganzen Tag unter Anspannung, hatte verschwitzte Hände, etc.! Leider kam bei der Untersuchung heraus, dass ich 1284 ventrikuläre Extrasystolen auf den Tag verteilt hatte. Maximale Herzfrequenz: 119 Schläge pro Minute, minimale Herzfrequenz: 52 Schläge pro Minute; mittlere Herzfrequenz: 70 Schläge pro Minute. Eine Tachykardie erfolgte mit 119 Schlägen pro Minute um 05:54 h nach dem Aufstehen. Laut meines Internisten hatte ich monotope Extrasystolen. Zum Vergleich: Beim letzten Langzeit-EKG (2013) gab es keine einzige ventrikuläre Extrasystole, lediglich drei supraventrikuläre Extrasystolen. Mithin war meine subjektive Wahrnehmung also nicht eingebildet. Mein Blutdruck lag im Schnitt zwischen 118/87. Der untere Wert war immer leicht erhöht. Zu meiner Person: Ich bin männlich, 37 Jahre alt, 196 cm groß, wiege ca. 86-87 kg (habe zuletzt ca. drei kg abgenommen), bin Nichtraucher, konsumiere keinen Alkohol oder sonstige Drogen, treibe keinen Sport, bin familiär vorbelastet (Blutdruck), nehme einen Betablocker, hatte in den letzten Wochen und Monaten vermehrt Stress und Druck, bin ein eher sensibler und ängstlicher Patient und habe zur Zeit Magenprobleme (Säure).

Frage: In der Hoffnung auf Beruhigung, muss ich mir Sorgen machen? Besteht die Möglichkeit, dass es wieder besser wird? Zurzeit habe ich die Hoffnung teilweise aufgegeben. Danke im Voraus!!!

Dr. med. Peter Zündorf
22.08.2015, 14:10 Uhr

Sehr geehrter Herr,

Sie sprechen ein Problem an, das in der täglichen ärztlichen und insbesondere kardiologischen Praxis ein häufiges ist und von Ihnen genau auf den Punkt gebracht wird: subjektiv sehr belastende Extrasystolen. Die von Ihnen genannten Befunde zeigten offenbar eine wechselnd ausgeprägte, aber immer niedriggradige (d.h. nicht salvenartige, und insbesondere nicht hämodynamisch bedeutsame) vor allem ventrikuläre Extrasystolie. Zu begleitenden Kreislaufproblemen kam es wohl nicht, und ich schließe aus Ihren Worten, dass auch das relevante Labor und die weitere kardiologische Untersuchung gesunde Werte ergaben. Damit ergibt sich rein kardiologisch tatsächlich die Antwort, die Sie offenbar auch schon häufig erhalten haben: Dieser Befund ist völlig unbedenklich und zeigt keine Gefährdung Ihrerseits durch Herzerkrankungen an, insbesondere auch nicht durch einen plötzlichen Herztod oder einen Herzinfarkt.

Noch ein Hinweis: Das Herz ist kein regelmäßig schlagendes Uhrwerk, im Gegenteil sind Unregelmäßigkeiten des Herzrhythmus System, sowohl im Bereich von Millisekunden im Vergleich Schlag zu Schlag, als auch bezüglich Extraschlägen. Es ist im Gegenteil bewiesen, dass ein sehr regelmäßiger, wir sagen "starrer" Herzrhythmus, signifikant mit dem Risiko eines plötzlichen Herztodes verbunden ist. Das wirkliche Problem beginnt aber jetzt, weil Sie mit dieser Antwort nicht zufrieden sind, weil Ihre Ängste und Befürchtungen damit keineswegs beseitigt sind. Sie beschreiben sich als einen sensiblen, teilweise ängstlichen Patienten, und berichten ebenfalls, dass eine frühere Psychotherapie, die diese Ängste angegangen ist, zumindest vorübergehend zu einer Besserung geführt hat.

Mein Rat an Sie wäre, sich um vermehrte Fitness und Stressbewältigung zu bemühen, um damit objektiv Ihre Gesundheit weiter zu verbessern, und die davon unabhängigen geschilderten Ängste und Befürchtungen gegebenenfalls erneut psychotherapeutisch anzugehen, sofern das dann immer noch erforderlich ist. Kardiologen können Ihnen dabei allerdings nur bedingt helfen.

Viel Erfolg dabei!
Dr. Peter Zündorf, Hannover

newB1977
30.11.2015, 17:48 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Zündorf,

vielen Dank für Ihre Antwort und Erklärung. Ich war in den letzten Monaten erneut bei guten Kardiologen/Rhythmologen. Dabei wurden erneut LZ-EKG, mehrfach Blutbild, Herzultraschall, Kardio-MRT usw. angefertigt. Im letzten LZ-EKG waren es 598 VES/19 Stunden. Herzultraschall und Mario-MRT völlig unauffällig, habe eine Funkfunktion von 71 %, was auch immer das heißen mag. Blutbild (Zucker, Schilddrüse, Nieren, Cholesterin, usw.) gut. TSH bei 3
Passagere Hypokaliämie (3,2). Habe die Ratschläge der Ärzte angenommen und Magnesium und Kalium teilweise genommen und fahre jeden Tag 40 Minuten Fahrrad. An einigen Tagen gelang es dadurch, die Extrasystolen auf ein Maß zurückzuführen, was einigermaßen erträglich war, teilweise 100-250 VES/24 Stunden, was mir persönlich noch immer zuviel ist. An anderen Tagen - wie heute - habe ich auch mal über Stunden 2-5 VES in der Stunde und somit schnell 2000 - 2500 am Tag. Ein guter Rhythmologe und Chefarzt einer Klinik aus der Gegend hat gemeint, es solle konservativ behandelt werden, aber ließ eine Ablationsmöglichkeit offen, wenn die Belastung subjektiv zu groß ist und meine Lebensqualität eingeschränkt ist. Ich habe schon Angst mich hinzulegen, weil es dann verstärkt ist und prompt kommen ganz viele ES pro Minute im Liegen. Da sich dies bereits beruflich und privat auswirkt - arbeite u.a. als Dozent und habe Buchungseinbrüche, weil ich kaum mehr Seminare anbiete. Meine Partnerin und die Kinder sind auch sehr genervt von meinen Launen, welche ich entwickle, wenn es stark ausgeprägt ist.
Die auslösende Faser scheint im linken System, linken Ventrikel zu liegen. Meine Hausinternisten und Kardiologen haben mir von einer Ablation abgeraten. Zu gefährlich bzw. Nutzen-Risiko Verhältnis stimmt nicht. Ich persönlich hege damit allerdings die Hoffnung auf Heilung. Ich hatte bis Juli keine VES; da möchte ich wieder hin. Können Sie das verstehen?
Mein Rhythmologe sieht Chancen in einer Ablation, wenn in dem Moment die Störung stark ausgeprägt ist und er sieht, wo der Herd ist. Was meinen Sie?

Danke im Voraus!

Liebe Grüße

Michael Hopfeld

Dr. med. Peter Zündorf
04.12.2015, 00:42 Uhr

Sehr geehrter Herr Hopfeld,

keine einfache Situation, wenn sie auch rein kardiologisch offenbar ungefährlich ist, soweit von hier aus beurteilbar.

Vermutlich meinen Sie "Ejektionsfraktion" bzw. Pumpfunktion mit "Funkfunktion" von 71 %, d.h. die Funktion Ihres Herzmuskels ist einwandfrei. Aus rein kardiologischer Sicht ist eine Ablationsbehandlung daher sicherlich nicht indiziert = angezeigt, wie ich schon früher ausgeführt habe. Ihr Problem ist Ihre psychische Bewertung der Extrasystolie, welche Ihnen offenbar erhebliche Ängste bereitet. Damit sind Sie nicht alleine - das Problem ist weit verbreitet.

Grundsätzlich könnte man jetzt an Ihren rein medizinisch nicht begründeten Sorgen psychologisch/ psychosomatisch arbeiten, mit dem Ziel, diese Ängste zu mildern.

Eine Ablationsbehandlung wäre eine andere Möglichkeit, wie Sie schon sagen, mit Chancen, aber auch nicht mit der Garantie, die Extraschläge zu beseitigen. Im günstigen Fall sind Sie die Extraschläge zumindest eine Zeit lang los.

Die Ablation selber führt aber meist auch zu einer gewissen Narbenbildung im Herzmuskel, wodurch nicht selten neue Extrasystolen generiert werden können. Zusammenfassend wäre mein Rat weiterhin, eher die Ängste zu behandeln, als die Ablation zu verfolgen. Aber beides ist möglich.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen etwas weiterhelfen, und bitte Sie, sich weiter an die behandelnden Kollegen zu wenden.

Gute Besserung - und viele Grüße!

Dr. Peter Zündorf, Hannover

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